Warum eigentlich?

Ostersamstag, 23. April

Es gibt zwei Bücher, die ich in den achtziger Jahren immer wieder gelesen habe. „Der schöne Vogel Phönix“ von Jochen Schimmang und „Deutschland umsonst“ von Michael Holzach. Texte von Zweiflern auf der Suche, melancholisch, ernsthaft, kraftvoll. Holzachs Buch über seine mittellose Wanderung durch Deutschland hat mich nie ganz losgelassen. Einfach mal ein paar Wochen ohne Geld in die Welt hinaus zu marschieren, das ist einer meiner kleinen Träume, die ich jetzt schon seit fast 25 Jahren vor mir her schiebe.
Ich bin offenbar nicht unbedingt der Mensch, von dem man ein solches Projekt erwartet. Stimmt ja auch: auf der Liste, die ich noch erledigen will, bevor der letzte Vorhang fällt, gehört ein 911er Targa aus den Jahrgängen 72-74 und ein Besuch im Camp Nou in Barcelona, während Messi spielt. Nicht sehr ernsthaft möglicherweise, aber das ist die Wahrheit.
Es gibt sicher Journalisten, Autoren und Schriftsteller, die besser geeignet wären, nach fast 30 Jahren Michael Holzachs Wegen zu folgen. Weil sie vielleicht engagierter, sozialer, altruistischer sind, weil sie über den entsprechenden Ton und über eine Haltung verfügen, die über jeden hedonistischen Zweifel erhaben wäre. Und es mag auch Menschen da draußen geben, die es kalkuliert finden und schamlos, dass ich Holzachs Titel aufgreife und mit meinen womöglich banalen und unmaßgeblichen Beobachtungen beschmutze. Falls dem so sein sollte: Sorry. Nicht meine Absicht.
Für mich ist diese Reise eine ehrfürchtige Verbeugung vor einem Schriftsteller, der mich tief beeindruckt hat und dem ich einen lange gehegten Traum verdanke. Den erfülle ich mir jetzt, so ergebnisoffen wie möglich. Ich will raus finden, wie es sich anfühlt, mit leeren Taschen durch ein reiches Land zu wandern. Nicht weil ich dieses Land, in dem ich gern lebe, an den Pranger stellen will. Sondern weil ich etwas über seine Menschen und mich selbst heraus finden kann. Wie es ist, Hunger zu haben und keinen Schlafplatz zu finden, wenn mein Facebook-Netzwerk zu löchrig und mein Stolz zu groß ist, um zu betteln. Wie es sich anfühlt, nur noch elementare Bedürfnisse befriedigen zu wollen: Essen. Trinken. Schlafen.
David Gray besingt in einem seiner Songs „moneys ugly confidence“. Das ist eine Zeile, die mich jedes Mal nachdenklich macht, wenn ich sie höre. Ich finde jetzt raus, ob ich selbst von diesem hässlichen Selbstvertrauen versetzt bin und zum selbstmitleidigen Arsch werde, wenn der Griff zur Kreditkarte meine Probleme mal ausnahmsweise nicht mehr löst. Es wäre schön, wenn ich dabei einfach freundlich bliebe und was erlebe.

Wer mir bei dem Projekt folgt und immer mal wieder liest, wie es mir ergeht, dem wünsche ich einfach nur viel Spaß. Und wer Michael Holzach´s „Deutschland umsonst“ noch nicht kennen sollte, dem lege ich das Buch wärmstens ans Herz.

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12 responses to “Warum eigentlich?

  • Dorthe

    Harry, es lässt sich so leicht witzeln über dein Vorhaben, aber tatsächlich ist es eine wundervolle Idee und du bist the man für Deutschland umsonst, gerade du! Ich werde dich beneiden um deine Erfahrungen, auch um die unangenehmeren. Du wirst unser Land danach besser kennen, wahrscheinlich sogar mehr mögen. Walk on, Harry, oder wie du immer sagst: hau rein! Dorthe

  • Harald Braun

    Hey Dottel, witzeln ist okay, ich kenn mich ja auch 🙂 Ob ich das Land aber mehr mögen werde als bislang, ich weißet ja nich… Jedenfalls begleiten mich Silke Besa und Barry Kuenzel auf dem iPod, wenns ganz mies läuft, lass ich die beiden raus… Und was den Nopp angeht: der wollte ja mit Thomas mal ein WE wandern light einlegen. Sehr willkommene Idee!

  • sascha haas

    Harald,da wir zwei Dinge gemeinsam haben(ich meine bis zum letzten Vorhang)werde ich dich hier verfolgen und wünsche dir den Erfolg auf ganzer Linie.
    Bin übrigends ein Freund von Frank und Claudia:)

  • Stefanie

    Oh, Harald, ich würde zahlen für eine Kamera auf Deinem Kopf. Heute noch den ganzen Tag drüber geredet. Und als der Hunger uns heute in der Fischbeker Heide überfiel, sagte Lennart: „Stellt Euch mal vor, und das Gefühl hat Harald dann ja IMMER!“

  • Harald Braun

    Mitfühlender kleiner Kerl, der Lenny. Ich bin selbst ganz gespannt drauf, wie sich Hunger anfühlt, bin ja schon bei halbwarmem Appetit immer leicht übellaunig. Andererseits: Wenn der Mitbürger in Deutschland barmherzig ist, werde ich das Gefühl ja gar nicht kennen lernen…

  • Julica Jungehuelsing

    Gute Reise! Das wird garantiert ein Abenteuer. Freue mich schon mal auf’s Buch! (Falls du in Münster strandest, ruf meine Mutter an die kennst du ja vom BBQ in Rose Bay, die macht dir Kartoffelpuffer).
    Happy walking!
    Julica
    Ps: und danke dass auch wir Gesichtsbuch-Profillosen unterwegs mal aus der Ferne zugucken dürfen!

    • Harald Braun

      Ach Julica, Sydney tät ich auch nehmen… Ich melde mich, falls ich durch Münster juckele, ich meine KARTOFFELPUFFER, hallo? Da bin ich ja schon nicht hungrig scharf drauf 🙂 Beste Grüße aus dem Horst, jetzt erst mal vier Tage Perigord zu Martin Walker, dann gehts los. Keep you posted…

  • Simone

    Hasi, du Tramp!
    Danke, dass du uns auch ohne Facebook teilhaben lässt, das finde ich richtig, richtig super. Ich wünsch dir einen Batzen Abenteuer und ganz viele freundliche Menschen. Ich weiß, dein Humor wird dich durchs Land tragen (und dir dann bestimmt irgendwann vorauseilen, und die Leute werden sich darum reißen, dich aufzunehmen). Ich frag mich nur: Was passiert, wenn du morgens mal keinen Milchkaffee mit fünf Löffeln Zucker bekommst? Ich: würde durchdrehen.
    Wenn was ist, ich hab eine Tante in Nürnberg, eine bei Stuttgart und einen Onkel in Bremen. Sonst ruf an, ich stell mein Telefon auf LAUT.
    Und, nur zur Sicherheit: Auch wenn sie keiner mehr haben will, lass bitte meine Dauerkarte hier. Nicht, dass du sie in deiner Not auf dem Schwarzmarkt verscheuerst …
    Wir drücken alle Daumen!
    Simone, Domenico + Rocco

    • Harald Braun

      Hey Mönchen, deine St.Pauli-Dauerkarte ist natürlich schon in der Obhut vom Supp, ist eh nur noch das Spiel gegen die Bayern – und es wird nicht mehr reichen… Tja, nächstes Jahr halt wieder Rostock und Paderborn… Vielen Dank für die frommen Wünsche, bei deiner Sippschaft melde ich mich gern, wenn ich in der Nähe vorbei komme. Das Kaffeeproblem habe ich auch schon hin und hergewälzt, aber was soll ich sagen: Diesmal wirds eben echt hart… Beste Grüße aus dem wunderbaren Perigord, noch einmal schlemmen und schwelgen, bevor der Wanderwahnsinn mich einholt, lg der Hasinger

  • Jochen

    Hey Harald,

    hat bei mir einen Schlag in der Magengrube gegeben, als ich das erste Mal seit sicher 15 Jahren heute bei dir auf dieser HP wieder den Namen Michael Holzach gelesen habe – hat mich damals auch tief beeindruckt, diese Reise. Ich wünsche dir, na ja, wenigstens immer irgendwo einen Ball in der Nähe! 😉 – du warst ja schon immer einer, der auch dahin gegangen ist, wo’s wehtut! Und werde deine Reise vom festangestellten Schreibtisch aus sehr gerne und leicht wehmütig verfolgen.

    Walk on with hope,

    dein ewiger G-J-Libero

    P.S. Und für alle hier, die das dann erstaunlicherweise womöglich nicht kennen sollten, noch ein Lese- und/oder Filmtipp: „Into the wild“ von Ion Krakauer, großartig verfilmt vor drei Jahren von Sean Penn. Das mit Abstand beste Buch aus dem „Holzach-Genre“, das ich kenne.

    • Harald Braun

      Hey Jochen, wenn ich mich über Kupferdreh und Gelsenkirchen nach Uelzen schleppe, werde ICH wehmütig an 9-5-Jobs am Schreibtisch denken, ich kanns schon fühlen… Hoffe, du hast hin und wieder Spaß bei dem, was ich in den zwei Monaten on the road so erlebe, bis bald mal wieder vorm Miller (Zweite Liga, wir sind dabei 🙂

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